Das Leben des Buddha

 

Der Buddho wurde um die Mitte des sechsten Jahrhunderts v. Chr. in der indischen Stadt Kapilavatthu als Prinz Siddhattho, Sohn des Königs Suddhodano aus der Familie der Gotamiden, geboren. Der Buddho war also ein Inder.

 

Wenn der Bericht, der uns die Motive seiner Weltflucht in ihren Einzelheiten übermittelt, auch nur Legende ist, so ist diese Legende doch so schön und so sehr im Geiste seiner Lehre, kennzeichnet und umgrenzt ihren Inhalt bereits von allem Anfang an so scharf und richtig, daß sie hier wiedergegeben sei:

„Schon bei der Geburt des Prinzen Siddhattho – der ursprüngliche Name des Buddho – sagten die Brahmanen, welche als Priester und Astrologen am Hofe seines Vaters, des Königs Suddhódano lebten, die künftige Bestimmung des Kindes voraus. Sie prophezeiten:

 

‚Wenn Prinz Siddhattho den Thron besteigt, so wird er ein König der Könige, ein Weltbeherrscher werden; wenn er aber dem Thron entsagt und das Leben eines Asketen erwählt, so wird er ein Weltüberwinder, ein vollendeter Buddho werden‘;

und der Büßer Kaladéwalo eilte aus der Wildnis des Himalaya herbei, warf sich vor dem Kinde zur Erde und sprach:

‚Wahrlich, dieses Kind wird einst ein höchst vollendeter Buddho werden und den Menschen den Weg zur Befreiung weisen.‘

Und er weinte, da er wußte, daß er bei seinem hohen Alter diesen Zeitpunkt nicht mehr erleben könne.

 

Der König aber suchte durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel die Erfüllung dieser Weissagung zu verhindern; denn er wünschte, daß Prinz Siddhattho ein weltbeherrschender Monarch werde. Da die Brahmanen ihm gesagt hatten, daß der Anblick des menschlichen Leidens und der irdischen Vergänglichkeit den Prinzen zur Weltflucht veranlassen werde, hielt er aus der Nähe seines Sohnes alles fern, was diesem Kenntnis vom menschlichen Elend und vom Tode hätte geben können. Er umgab ihn mit allen Genüssen und allem königlichen Glanz, um ihn recht fest ans Weltleben zu fesseln. Als er zum Jüngling heranwuchs, ließ ihm sein Vater drei Paläste erbauen, für jede der drei indischen Jahreszeiten – die heiße, die kalte und die Regenzeit – je einen. Alle waren ausgestattet mit der größten Pracht. Ringsumher breiteten sich weite Gärten und Haine aus, mit klaren, von Lotosblumen umgrenzten Teichen, kühlen Grotten, plätschernden Quellen und Beeten voll der schönsten Blumen. In diesen Gärten und Hainen verlebte der Prinz seine Jugend, aber er durfte sie nicht verlassen, und allen Armen, Kranken und Greisen war der Zutritt aufs strengste verwehrt. Söhne aus den edelsten Familien des Landes bildeten seine Umgebung.

 

In seinem sechzehnten Jahre vermählte ihn sein Vater mit der Prinzessin Yasodhará, und außerdem umgab er ihn mit einem ganzen Harem von schönen, in Tanz, Gesang und Saitenspiel geschulten Mädchen, wie es damals bei den indischen Fürsten der Brauch war.

 

Als er nun eines Tages im Parke spazieren fuhr, bemerkte er plötzlich einen gebrechlichen alten Mann, mit von der Last der Jahre gekrümmtem Rücken, der, auf einen Stab gestützt, mühsam dahinschlich. Siddhattho fragte verwundert seinen Wagenlenker Tschanno, was für ein seltsames Wesen das sei, und Tschanno antwortete, es sei ein Greis. – ‚Wurde er in diesem Zustande geboren?‘ fragte der Prinz weiter. – ‚Nein, Herr, er war einst jung und blühend, wie du.‘ – ‚Gibt es mehr solcher Greise?‘ forschte der Prinz immer erstaunter. – ‚Sehr viele, Herr!‘ – ‚Und wie geriet er in diesen beklagenswerten Zustand?‘ – ‚Es ist der Lauf der Natur, daß alle Menschen alt und gebrechlich werden müssen, soferne sie nicht in jungen Jahren sterben.‘ – ‚Auch ich, Tschanno?‘ – ‚Auch du, Herr!‘ Dieser Vorfall stimmte den jungen Prinzen so nachdenklich, daß er befahl, nach Hause zurückzufahren, da er alle Freude an der schönen Umgebung verloren hatte.

 

Einige Zeit hernach erblickte er bei einer abermaligen Ausfahrt einen Aussätzigen, und als ihn auf seine Frage Tschanno auch über diese Erscheinung aufklärte, wurde er so tief ergriffen, daß er fortan alle Lustbarkeiten mied und über das menschliche Elend nachzugrübeln begann.

 

Nach Verlauf einer längeren Zeit wurde ihm die dritte Erscheinung zuteil. Er sah einen bereits in Verwesung befindlichen Leichnam am Wege liegen. Auf das heftigste erschüttert, kehrte er sofort nach Hause zurück, indem er ausrief: ‚Weh mir, was nützt mir aller königlicher Glanz, alle Pracht und aller Genuß, wenn sie mich nicht vor dem Greisenalter, der Krankheit und dem Tode bewahren können! Wie unglücklich sind die Menschen! Gibt es denn kein Mittel, dem Leiden und dem Tode, die sich mit jeder Geburt erneuern, auf immer ein Ende zu machen?‘ Diese Frage beschäftigte ihn fortan unausgesetzt.

 

Die Antwort wurde [ihm] bei einer späteren Ausfahrt. Es erschien ihm ein Asket im gelben Gewande, wie es die buddhistischen Mönche tragen, dessen ehrwürdige Züge den tiefen Frieden seines Innern deutlich widerspiegelten.“

Diese Erscheinung wies ihm den Weg, auf dem er die Lösung seines großen Problems zu suchen hatte. Es reifte in ihm der Entschluß heran, gleich jenem ehrwürdigen Asketen die Welt zu verlassen und in die Wildnis zu gehen, ein Entschluß, den er dann auch alsbald in die Tat umsetzte in der unerschütterlichen Überzeugung, daß es ihm beschieden sein werde, das Ende des Leidens in jeder Form zu erschauen.

(G.Grimm, Die Lehre des Buddho, S. XXVIII ff.)