Laudatio

 

Georg Grimms Würdigung in der Wahrnehmung von

seinen Schülern und anderen Freunden und Verehrern

 


Von M. Keller-Grimm (Schw. Māyā)

 

Die Lehrdarlegung unseres Mahā-Thera muss, wenn sie recht verstanden und durchdrungen ist, zur Zufluchtnahme zu den DREI JUWELEN führen. Ob diese exoterisch bleibt oder esoterisch zu einem tiefen religiösen Erleben wird, richtet sich nach dem Grade des Verstehens bzw. Nichtverstehens des Anattā-Gedankens. Er bildet, wie unser großer Lehrer uns immer und immer wieder darlegt, gleichermaßen das granitne Fundament der Lehre wie auch im Besonderen das der Zufluchtnahme. Wird er im Sinne von Ohne-Selbst, bzw. Kein-Selbst aufgefasst und nur den rollenden Dharmas eine Realität zugesprochen, so muss die Zufluchtnahme zwangsweise ein anderes Gesicht tragen als in seiner Interpretation, die im Anattā-Gedanken als dem Gedanken des Nicht-Selbst ihre Ausrichtung und Krönung erfährt.

Zuflucht zu suchen, heißt Schutz zu suchen, heißt angesichts von Leid und Gefahr nach Sicherheit und Geborgenheit zu verlangen. Die höchste Geborgenheit und damit die höchste Zuflucht hat der Mensch gefunden, wenn er sich für alles Leiden unerreichbar und zugleich absolut selig weiß. Die Zufluchtnahme muss also einen solchen Zustand vermitteln können, wenn ihr Name zu Recht besteht.

Es war der Anattā-Gedanke, der für unseren Mahā-Thera zu einer Offenbarung wurde und ihm zeigte, dass die ganze Erscheinungswelt, eingeschlossen die fünf Khandhas, die fünf Gruppen unserer Persönlichkeit, eingeschlossen alle Bewusstseinsmomente, eingeschlossen auch das, was man Geist nennt, keine Zuflucht bieten können, penn das Sehnen nach einer Zuflucht inmitten eines Ozeans von Leiden, auch das Sehnen nach Erleuchtung kann, mangels jeder inneren Entsprechung, niemals den körperlichen oder geistigen Prozessen entspringen, vielmehr nur dem Puggalo, dem mit der Last seiner Persönlichkeit verkoppeltem Wesen, das, wie der Meister sagt "in Leiden versunken, in Leiden verloren ist" und nach einer Zuflucht verlangt.

Die Aufzeigung des Trennungsstriches zwischen Ich und Nicht-Ich, zwischen Selbst und Nicht-Selbst, zwischen der äußeren und inneren Wirklichkeit war die hervorragende Großtat unseres Mahā-Thera: Hier ein elender, armseliger Haufen körperlicher und geistiger Prozesse, die Summe alles Hervorgebrachten und Gewordenen, dort und zwar ganz in mir selbst, das Nicht-Hervorgebrachte, das Todlose, das Ewige. Gleichsam mit hoch erhobenem Finger deutet in der Interpretation des Mahā-Thera die erste Zuflucht auf diesen erhabenen Bereich hin, die Zuflucht zum Buddho. Nicht in der allerfeinsten Geistigkeit, die sowohl nach der Lehre des Buddho als auch nach unserem Mahā-Thera, immer noch "draußen", nicht "drinnen" ist, verbirgt sich die Buddha- oder besser die Tathāgata-Natur meines eigenen unergründlichen Wesens. Ich brauche also nur zu mir selbst zurückzufinden und ich bin geborgen, geborgen für alle Ewigkeit.

Die Krönung der zweiten Zufluchtnahme sah unser Mahā-Thera in der Zuflucht zum WUNDERDING, das der Buddho als

"das Wahre (saccam), als das andere Ufer (pāram), als das Feine (nipunam), als das Unverwelkliche (ajajjaram), als das Ewige (dhuvam), als das Unauflösliche (apalokitam), als das Unsichtbare (anidassanam), als das Friedvolle (santam), als das Todlose (amatam), als das Hocherhabene (panītam), als das Fehlen des dürstenden Willens (tanhakkhayo) als die Geborgenheit (khemam), als das Wundervolle (acchariyam), als das Erstaunliche (abhutam), als das Nibbānam, als die Freiheit (mutti), als die Reinheit (suddhi), als das Eiland (dīpam), als das Versteck (lenam), als die Schutzstätte (tānam) als das Endziel"

preist. ("Buddh. Meditationen" Nr. 609) Diese zweite, weit über alles Vergängliche hinausragende Zuflucht zum DHAMMO als das dem Strom des Werdens gänzlich entrückte Eiland liegt, wie unser Mahā-Thera immer und immer wieder zeigt, nicht in Wolkenkuckucksheim, es ist keine Phantasmagorie, keine schimmernde Seifenblase, die bei der geringsten Berührung zerplatzt, sie hat vielmehr ihre unerschütterliche und unumstößliche Basis in mir selbst. Damit aber erhält auch die zweite Zuflucht eine im höchsten Sinne esoterische Bedeutung.

Auch der dritten Zuflucht zum Sangho wurde in der Lehrdarlegung unseres Mahā-Thera eine Vertiefung zuteil, die den Zufluchtnehmenden unmittelbar auf den Weg zum Heiligen führt. In ihr liegt der Schlüssel verborgen, der das Tor zum einzigen Wege öffnet: Der Umgang mit erlesenen, auf dem Pfade befindlichen Freunden. Dieser Umgang beginnt mit dem freundschaftlichen Verkehr gleichstrebender Menschen untereinander, wie er in der Altbuddhistischen Gemeinde gepflegt wird, ein Verkehr, der den ernsthaft Strebenden dann ganz von selbst auf die Spur der erlesenen Jünger führt. Mit jeder neuen Zufluchtnahme zum Sangho wird der Geist weit und weiter, bis er schließlich alle Beschränkungen sprengt und in der sich über alle Welten erstreckenden großen Gemeinschaft wahrer Buddhajünger Zuflucht und Geborgenheit findet. Wer die Zufluchtnahme zum dritten Juwel in dieser Weise vollzieht, von dem sagt unser Mahā-Thera, dass er sich nie alleine fühlt, nie einsam, sondern im Gegenteil immer begleitet und umgeben von "seinen Freunden den Göttern", jetzt und in der Stunde seines Todes.

Diese dritte Zufluchtnahme war im Besonderen für unseren Mahā-Thera selbst zu einer wunderbaren und beglückenden Wirklichkeit geworden, die nicht nur sein Alter verklärte, sondern auch die Stunde seines Todes. Obwohl ich nur ahnen konnte, welch gewaltiges Ereignis sich in dieser seiner Todesstunde vollzog, so trage ich doch in mir die felsenfeste Gewissheit, dass der Raum, in dem ER sich von seiner sterblichen Hülle löste, übervoll von "seinen erlesenen Freunden, den Göttern", war.

(…)                                                                (YĀNĀ, 1968, 2. Heft)

 



Von Max Hoppe (Br. Dhammapālo)


Wer unseren ehrwürdigen Mahā-Thera kannte, der weiß, dass sein Leben gänzlich der Durchdringung, der Verwirklichung und der Weitergabe des SADDHAMMA, der guten Wirklichkeitslehre, gewidmet war. Er ging auf in der Hingabe an diese seine hehre Aufgabe. (…) Sein ganzes Leben stand unter dem SADDHAMMA, unter der guten Wirklichkeitslehre. (…)

Aus seiner ganzen Sicht, aus seiner Lebensweise heraus war dem Mahā-Thera eines völlig gewiss, dass die Weltordnung eine moralische ist. Das war ihm zur unerschütterlichen Überzeugung geworden. Wie weit aber und wie tief diese Überzeugung ging, fand er am deutlichsten zum Ausdruck gebracht im Puggala-Paññatti:

"Gesetzt, ein Mensch befände sich gerade auf dem Wege, die Frucht der Sotāpannaschaft zu erreichen und es sei gerade die Zeit des Weltbrandes, so würde, bevor dieser Mensch die Frucht der Sotāpannaschaft nicht erreicht hat, die Welt nicht in Brand geraten."

Ich erinnere mich, dass es unter den gelegentlichen Besuchern einen Kritiker gab, der die Bedeutung dieser Worte verwischen wollte, und ich unterhielt mich mit dem Mahā-Thera über diese Kritik. Ein solcher wisse eben nicht von der alles beherrschenden Bedeutung der moralischen Weltordnung, betonte der Mahā-Thera. Und was er weiter sagte, machte in zwingendster Weise deutlich, wie einzig wichtig die rechte Einstellung des Geistes und das lautere Streben ist, das alle, aber auch alle Hindernisse überwindet. Damit verändern wir für uns das Bild unserer Umwelt; es dient uns alles zur Belehrung. Wir erleben es, wie alle Dinge sich so einordnen, dass sie zum Heile gereichen. Das aus der rechten Einstellung des Geistes sich ergebende lautere Streben erreicht immer sein Ziel, ihm wird stets die Erfüllung, weil alles, was auch komme, uns zur Richtschnur wird. Mit dem Stromeintritt beginnt das "Wunder" auf dem Pfade, weil damit der ewige DHAMMA, das WUNDERDING, das NIBBĀNA in uns zur Auferstehung kommt. Dann drücken die Worte aus dem Puggala-Paññatti nur eine bestimmend gewordene Harmonie aus, die, wie gesagt, alle Dinge sich so einordnen lässt, dass sie zum Heile gereichen. (…) Alles, aber auch alles bedeutet in der sittlichen Weltordnung die rechte Einstellung des Geistes und das daraus erwachsende lautere Streben. Sie ist die Macht schlechthin, die alle feindlichen Kräfte zerstreut und vertreibt und die fördernden Kräfte sammelt und heranzieht. Tief ein prägte sich mir des ehrwürdigen Mahā-Thera Darlegung in jener unvergesslichen Stunde.

Alles untersteht der sittlichen Weltordnung und letzten Endes wird allen Wesen das, was sie zutiefst erstreben. So gesehen, gibt es gar keine Ungerechtigkeit, obwohl die räumliche und zeitliche Einschränkung in den Beilegungen eine solche leidvoll erleben und an allen Ecken und Enden entdecken lässt. Und es ist dieser Gedanke, dass auch jetzt, in diesem Augenblick, alle Wesen doch nur ernten, was sie gesät, bloß erträglich bei der Einsicht, dass es keine schlechthin und für immer verdammten Wesen gibt, vielmehr allen das Heil offen steht. Den Weg dahin aber zeigt die Buddha-Lehre, weswegen es im Dhammapada, Vers 354, heißt: "Alle Gaben übertrifft die Gabe der Lehre" (Sabbadānam dhammadānam jināti). Diese beste Gabe hat der Mahā-Thera seinen Schülern in der reinsten Form gegeben. Ihr Kern ist die Lehre von Anattā als eine Botschaft an den leidenden Menschen, an den, der sich aus einer unheilvollen Situation in einen Zustand des Heiles retten will.

Der Mahā-Thera sagt uns, dass der Vollkommen-Erwachte selber eine Legaldefinition des Begriffes an-attā gibt,

"die schlechterdings jeden Zweifel ausschließt: 'Was vergänglich ist, ist leidbringend. Was leidbringend ist, ist anattā. Was anattā ist: das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst' (Sam. XXXV, 1). Hiernach ist also das Wort anattā nur eine Marke, ein Stempel, ist nur ein – Sigel – so wie es solche "Sigel auch in der Stenographie gibt – für die Große Formel: 'Das gehört mir nicht; das bin nicht ich; das ist nicht mein Selbst.' Diese Große Formel ist der eigentliche Zauberschlüssel, mit dem der Buddha die Pforte zum Reiche der Todlosigkeit geöffnet hat. Sie muss man mithin begreifen, um den Anattā-Gedanken des Buddha zu begreifen…" ("Die Wissenschaft des Buddhismus". S. 285/286)

Die Worte: "Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst" sind Richtungsweiser auf dem Wege hin zur Befreiung vom triebhaften Hängen an den einschränkenden Beilegungen. Und wiederum ist es der Mahā-Thera, der uns an Hand des Pāli-Kanons darauf hinweist, wie wichtig es für uns ist, dass dieser Weg ein Weg in Etappen ist. Die vier Arten des Heilgewordenseins aber sind deutlich hervorgehobene Stationen auf dem Wege zum Glück, wie sie uns der Vollkommen-Erwachte gibt ("Die Lehre des Buddho", S. 323-329). Die erste Etappe auf diesem Wege aber ist die Sotāpannaschaft, der Eintritt in den Strom der Lehre, erreichbar jedem ernst Strebenden unter den jetzt gegebenen Umständen. Die Persönlichkeit ist in ihrer Veränderlichkeit, Hinfälligkeit und der damit gegebenen Unangemessenheit insoweit durchschaut, dass die Richtung einfach nicht mehr eingenommen werden kann, in die die Worte weisen: "Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst." Auch dieser Weg hat natürlich seine Etappen, sie bieten aber dem Ausblick, der nun für ihn maßgebend ist, keine Stationen glücklichen Verweilens mehr, weil er weiß. dass zunehmende Unfreiheit und Versklavung durch das triebhafte Hängen nur in die Abgründe des Daseins führen kann. Alle helfenden Kräfte werden ''vielmehr zum Vehikel, in dem er vom Strome der Lehre, wenn er erreicht ist, dem Heile entgegengetragen wird. Das ist ihm Gewissheit: "Im eigenen Innern wird die Lehre von Weisen erkannt" (Sam. LV, 1). Die Neigung, etwa noch am Beilegungshaften der Persönlichkeit zu zweifeln, schwindet. Und so wird der lauter Strebende die Frucht des Stromeintrittes pflücken, wie es auch im Übrigen aussehen mag, und wenn, wie gesagt, selbst ein Weltbrand drohte und um ihn herum alles voll von Unruhe und Unfrieden, voll Zusammensturz und Unheil wäre.

In einer sehr bedrückenden Zeit, im August 1943, besuchte ich das letzte Mal den ehrwürdigen Mahā-Thera. Der unselige Krieg herrschte und alles war voll Unruhe, voll Angst, voll Gefahr. Da war es selbstverständlich, dass ich dem Lehrer gegenüber meine Bedenken äußerte, ob ich wohl all den Situationen, die auf mich zukamen, gewachsen sein würde. Tief prägte es sich mir ein, wie daraufhin der greise Mahā-Thera aus der mitreißenden inneren Überzeugung heraus, die ihm eigen, mir die Rede "Mahānāmo" in seiner Übersetzung vorlas; denn dabei strömte die große Kraft auf mich über und erfüllte mich mit Zuversicht, die dieses Vorlesen für mich zu einem so einzigartigen Erlebnis machte. So aber lautet der heilige Text:

"So habe ich gehört. Einst weilte der Erhabene bei den Sakyern, nahe bei Kapilavatthu, im Parke der Feigen Daume. Mahānāmo, der Sakyer, kam dorthin, den Erhabenen zu besuchen und setzte sich seitwärts nieder. Von seinem Sitze aus sprach Mahānāmo, der Sakyer, zum Erhabenen also: 'Herr, diese Stadt Kapilavatthu ist reich, blühend, volkreich, voll von Menschen. Wenn ich nun, o Herr, am Abend, nachdem ich dem Erhabenen und den ehrwürdigen Mönchen aufgewartet habe, nach Kapilavatthu komme, so sehe ich mich von Elefanten umgeben, von Pferden, Wagen, Karren und Menschen, ein mächtiges Gewoge. Zu einer solchen Zeit, o Herr, werden meine Gedanken, die doch immer auf den Erhabenen gerichtet sind, auf den Dhammo und auf den Sangho, geradezu verwirrt. Dann wird mir also zumute: Wenn ich nun in diesem Moment sterben würde, was wäre da nun wohl mein Gang, welches mein Schicksal im kommenden Leben?'

'Habe keine Furcht, Mahānāmo, habe keine Furcht, Mahānāmo! Untadelig wird dein Tod sein, untadelig wirst du sterben. Denn der erlesene Jünger, Mahānāmo, der ausgestattet ist mit vier Dingen, ist zum Nibbānam geneigt, zum Nibbānam gebeugt, zum Nibbānam hingesenkt. Was sind aber das für vier Dinge? Da ist, Mahānāmo, der erlesene Jünger ausgestattet mit dem auf Erkenntnis beruhenden Vertrauen zum Erwachten … zur Lehre … zur Gemeinde. Er ist ausgestattet mit den den Edlen am Herzen liegenden Sitten, den lückenlosen … die zur Konzentration führen. Was meinst du, Mahānāmo, wenn ein Baum nach Osten geneigt ist, nach Osten gebeugt, nach Osten hingesenkt, wohin wird er fallen, wenn er umgehauen wird?' 'Er wird dorthin fallen, o Herr, wohin er geneigt ist, wohin er gebeugt ist, wohin er gesenkt ist.' 'Ebenso, Mahānāmo, ist der erlesene Jünger, der mit den vier Dingen ausgestattet ist, nach dem Nibbānam geneigt, nach dem Nibbānam gebeugt, nach dem Nibbānam hingesenkt'" (Sam. LV, 22; "Der Buddhaweg für Dich", S. 231/232).

Konnte eine bessere Buddha-Rede vorgelesen werden in einer solchen Zeit voll Unsicherheit, die Furcht und Schrecken verbreitete! So verstand der Mahā-Thera seinen Schülern das zu geben, was sie gerade brauchten.

Der Schüler Aufgabe aber ist es. Bewahrer des Diamanten zu bleiben, den er uns hinterließ, damit er immer wieder neu aufleuchte, wenn er in seinem einmaligen Wert erkannt wird.

(YĀNĀ, 1968, 2. Heft)